Humus-Festival Nord-Ost 2018 – Pflege den physischen & sozialen Raum

Humus-Festival Nord-Ost 2018 – Pflege den physischen & sozialen Raum

 

Humus-Festival Nord-Ost 2018 „Pflege den physischen & sozialen Raum“

Das Humus ist ein 8-tägiges, sich selbstorganisierendes Workshop- und Camplebenfestival, das Permakultur, Wildnispädagogik und Foodsharing auf bisher nicht dagewesene Weise miteinander in Beziehung bringt. Hier einige Ausschnitte aus meinem fiktiven, jedoch nicht minder wahren Tagebuch.

 

 

05.Mai, gegen 17.00Uhr

Melina, Fjalle, Amie und ich, das ist meine kleine Familie, uns sieht man das Patchworking vielleicht auf den ersten Blick nicht an, nichtsdestotrotz sind wir ein gutes Bespiel für eigenartiges Würfelglück. Also wir kommen nach einer 3-tägigen Reise mit zahlreichen Zwischenstationen, gestartet sind wir in Freiburg, auf dem wundervollen Freiland-Gelände an der Ostsee, Höhe Usedom, pünktlich zu Beginn des Seed-Camps, das ist die Aufbau- und Eingewöhnungsphase des Festes, an. Immerhin fast 1000km. Von Freiburg ans Mittelmeer, nämlich nach Genua in Italien, sind es bloß 550km, nur so am Rande. Es erwarten uns bereits 6 fleißige Humies und 4 rudelnde Hundis, die den Platz halten, bewachen, an der Grundinfrastruktur werkeln und kochen.

 

07.Mai, gegen Mittag

Wir sind auf fast 30 Leute angewachsen. Darunter 10 erstaunlich hochmotivierte Wanderunimenschen, die sich gemeinsam dazu entschlossen hatten das Humus zu einer ihrer Stationen zu machen. Außerdem Christian Kuhtz, ein Urgestein der Lowtech-Bastel-Bewegung. Als ich ihn vom Bahnhof abhole, hatte er vor Ort bereits, wer weiß woher, eine gute Ladung alter Backsteine gesammelt, die er voller Enthusiasmus und sprudelnder Leichtigkeit in meinem Kofferraum auftürmt. „Mit ein bisschen Lehm und einem Rohr sind die perfekt für einen kleinen zweitöpfigen Outdoor-Küchen-Ofen“, erklärt er mir halb singend und tatsächlich so war es.

 

 

 

 

09.Mai, gegen frühen Abend

Morgen geht es los! Morgen geht es los! Morgen kommen die … die Restlichen. Ja, eigentlich soll es morgen los gehen und ein Ansturm wird erwartet. Immerhin sind auf einem Humus circa 120 Menschen, die Kids

nicht mitgezählt. Doch beim Nachzählen fällt uns auf, dass ein Großteil derer, die wir dachten, dass sie noch kämen, bereits schon da sind und dass auch schon seit geraumer Weile. Am letzten Tag des Seed-Camps sind wir knappe 60 Leute, also die Hälfte der Festivalgäste, nur dass wir nun von Gästen nicht mehr sprechen können, denn unsere Gäste sind längst zu Gastgebern und Gastgeberinnen geworden. So tigern wir mittlerweile alle über das 20 Hektar Gelände als wären wir nie woanders gewesen. Ja, 20 Hektar. So verspielen sich 60 Leute bis auf den Eindruck, man sei bloß zu fünft unterwegs. Als ich an diesem frühen Abend auf dem Ahnenhügel auf dem Küchenberg stehe, korrekt, es ist ein Hügel auf einem Berg, dem einzigen Berg, und mir mit einer 360° Drehung die Szenerie ansehe, schießt mir das Bild eines Ameisenvölkchens in den Kopf. Reges Treiben wohin ich sehe und „Ahh“ das Rufhorn erklingt, unser akustisches Signal für eine Versammlung, ich glaube es gibt endlich Mittagessen.

 

 

10.Mai, gegen Vormittag

Sollen sie kommen! Wir sind bereit! Die Grundinfrastruktur steht! Ein Kleinwenig Bammel habe ich doch, denn morgen steht mir eine kleine selbsterwählte Herausforderung bevor. Dazu muss ich erklären, dass jeder Tag des Humus ein Motto trägt, oder eher ein Schild des 8-Schilde-Models von Jon. Heute, der erste Tag, ist der Tag des „Ankommens“, es passiert nichts weiter als Ankommen. Morgen und das ist der Tag an dem ich meinen letzten Senf zum Humus Nord-Ost dazugebe, bevor ich es in aktiver Rolle endgültig abgebe und sich selbst überlasse, auf Holz klopfen, „Autsch nicht doch der Kopf“, ist der Tag der „Inspiration und Orientierung“, quasi ein Einführungstag in den Organismus Humus. Es soll ein gemeinsamer Start werden. Von der Morgenrunde an wird dieser Tag mit allen 120 + x bis abends hin eine Moderation haben. Was stattfinden soll sind Kennenlernspiele, Geländerundgänge und vor allem sollen die verschiedenen Kleingruppen, die Banden und die Himmelsrichtungen vorgestellt, gefunden und sich darin eingelebt werden. Der Grundstein des Selbstorganisationsdesigns. Das Ganze ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Ich muss gestehen, ich liebe die Improvisation, doch eine Tagesstruktur, also ein Skelett zu bauen, das so etwas in adäquater Weise den 120 Menschen logisch, sanft, zügig, spielerisch und vernünftig näherbringt, schüttelt sich nicht einfach aus dem Ärmel. Zum Glück hatte ich bis zum heutigen Tag nichts vorbereitet, außer ein paar mehr oder weniger ausgegorenen Ideen. Jetzt folgt das, was das Humus zu einer äußerst delikaten Angelegenheit macht. Nämlich stelle ich diesen Sachverhalt in einer Orgarunde vor und sofort finden sich 7 Menschen, die Lust haben an dem morgigen Tag mit mir zu werkeln. Wir treffen uns genau 2 Mal für je anderthalb Stunden, machen ein Dragon Dreaming, ein feines Planungswerkzeug von einem anderen John, verteilen Moderationsaufgaben und basteln. Es läuft flüssig und geht von der Hand wie eine warme Brezel. Ich fühle mich bestens, denn innerhalb 3 Stündchen gemeinsamer und spaßiger Spielerei hat sich die Herausforderung auf 8 Schultern verteilt und quasi wie von selbst in eine Vorfreude verwandelt. Sollen sie kommen! Wir sind bereit!

 

11.Mai, gegen späten Abend

Der Tag war lang und intensiv und großartig. Jetzt sitze ich am Feuer und genieße den Feuerabend. Wir haben alles geschafft, was anstand, nur zeitlich etwas überzogen und ich resümiere in Gedanken über das, was das nächste Mal noch verfeinert werden könnte. Die Müdigkeit hat mich und es dauert nicht lange, bis ich mich zu Sohn, Hündin und Freundin ins Zelt geselle.

 

 

 

 

  1. & 13.Mai

Ich bin raus. Meine Gefühlswelt hat sich einmal um sich selbst gedreht und steht nun Kopf. Ich weiß gar nicht mehr wo oben und unten ist. Ich bin die meiste Zeit am Schlafen oder mit Melina alleine und abseits unterwegs. Mir geht es nicht gut. Ich mag keine Begegnungen haben, ich bin übersensibel, lass mich an allen Ecken und Enden triggern, ziehe mich zurück und raus aus all dem Geschehen, während die anderen die Workshoptage „Aktivierung“ und „Fokus“ erleben.

 

 

14.Mai, gegen Mittag

Der „Pausentag“ kommt gerade recht. Butze spielt den Babysitter und Melina und ich fahren an die Ostsee, wo ich hauptsächlich schlafe und den Höhepunkt meines Trübsals erlebe.

Ich stehe abends an der Feuerraupe und schaue über die 6 Feuer und die Menschen, wie sie dort sitzen, lachen, Musik machen und den Raum erschaffen, von dem ich einst träumte. Dann setze ich mich dazu und nehme Melina dankbar in den Arm. Mein Sohn und die Hündin schlafen auf einer Matratze neben uns am Feuer. Wir gehen früh zu Bett und ich spüre neuen Wind.

 

 

15.Mai, gegen Mittag und dann späten Abend

Jetzt, am Dienstag, nach zahlreichen Gesprächen mit Melina und guten Freunden fühlt es sich nach Transformation an. Ich trauere und frohlocke gleichzeitig, was mich zerrissen hat. So fühlt es sich an etwas loszulassen, dass zum Loslassen designt wurde. Ich habe 4 Jahre am Humus Nord-Ost gearbeitet. 3 Jahre davon fast Vollzeit, es waren sicherlich 200 Skype-Sessions und 100 Piratenpads und jetzt ist es an dem Punkt, es gehen lassen zu dürfen. Friedlichkeit erfüllt mich.

Heute bin ich ausgesprochen gut gelaunt. Ich sitze wieder am Feuer und tauche ganz in die Jamsession ein. Der Tag des „Zusammenkommens & Feierns“ ist da. Wir jammen gefühlte 5 Stunden. Überall vertraute Gesichter. Von Freunden, die ich teilweise schon sehr lange kenne, teilweise noch nicht so lange, und dennoch kommt es mir lange vor. Ich trinke bis aus den 5 Feuern nur noch 2 geworden sind und ich im Sand an der Feuerstelle versinke und einzuschlafen drohe. Dann höre ich auf zu trinken und schlafe ein.

 

 

16.Mai, gegen späten Abend

Ich bin ein Nachtmensch, wie sicherlich erkennbar ist. Den melodiösen allmorgendlichen Mundharmonika-Weckdienst habe ich an jedem Tag glatt verpennt. So auch heute am „Tag der Reflexion“. Die „Geschichte des vorletzten Tages“ des Humus Nord-Ost 2018 findet somit ebenfalls abends statt und verdanke ich meinem Freund Butze, der beim „Open Mic“ nach der lieblichen Feuerzeremonie der „Feuerholzbande“ an der Feuerraupe von mir, hihi, unfreiwillig, ans Mikrophone gerufen wird. Butze ist ein Publikumsmensch und geborener Clown, das habe ich auf unserer Flake-Tour 2017 feststellen und lieben lernen dürfen. Ein prächtiger Humor, wenn man auf Helge Schneider und Douglas Adams steht! Nun sitzt er am Mic am Feuer und tunt sich ein, was ein paar Leuten wohl nicht zusagt, denn sie rufen hart aber herzlich à la Truthspeaking-Manier „Runter von der Bühne“. Butze, der ein Meister im „noch einen draufsetzen“ ist, schlägt eine Jam mit Gitarre vor, er möchte zu einem Thema singen, dass das Publikum aussucht. Der Konsens ist „Zeckenzange“. Was danach passiert ist magische Butzekraft, denn der Bibabutzemann legt eine improvisierte Show hin, die allen das lautere Lachen aus dem Zwerchfell zwingt. Ein fabelhafter Auftakt zu einem fantastischen Abschluss. Vielen Dank Euch allen für dieses wundervolle Fest! Und ganz besonders nochmal an Franziska und Dennis, die dieses Jahr so viel Zeit, Mühen, Geduld und Kraft in die Orga gesteckt haben! Ich hätte mir keine besseren Nachfolger wünschen können.

 

 

17.Mai, gegen Morgen

Tatsächlich habe ich es schafft heute am „Tag des Abschieds“ früh aufzustehen! Ich hatte es mir fest vorgenommen, denn ich wollte, nachdem wir mit dem großen Einführungstag den Raum mit allen geöffnet hatten, den Raum auch wieder gemeinsam schließen. Der Morgen besteht also aus einer großen, kurzanmoderierten Bearhug-Runde. Es ist ein schönes Abschlussritual, bei dem JedeR die Chance bekommt sich bei jedem zu verabschieden und sich noch ein paar schöne Worte mit auf den Weg zu geben. Mitunter dauern diese herzlichen Runden zwei bis drei Stunden. Melina, Fjalle und ich ist, so der Plan, die ersten in der Runde und somit auch als Erste durch. Schnell haben wir haben alles gepackt. Unser Zelt abgebaut. Vesper geschmiert. Den Großabbau überlassen wir frecher Weise dieses Jahr den anderen. Wir haben genug und fahren los. Hätte ich ein weißes Taschentuch in der Tasche gehabt, ich würde beherzt hineinschnäutzen und euch damit zum Abschied winken.

Bis August liebe Humies zum Süd-West-Fest. Ich freu mich auf Euch!

Lauritz Heinsch, Architekt der Humus-Festivals

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